aus: Staub. Sätzlinge
aus: Meinetwegen, sagte der Stellmacher
aus: Das Herz der Flöhe

 

 

 

 

Sie

Sie erschlugen die Schweine mit der stumpfen Seite der Axt. Sie legten den Kopf auf den Unterarm und schliefen am Küchentisch ein. Sie saßen auf Stühlen, die sich nicht zusammenklappen ließen. Sie glaubten an die Schwerkraft, durch die sie auf dem Boden der Tatsachen festgehalten wurden. Sie trugen auch sommers dicke Hemden aus Flanell, denn was gut war gegen die Kälte, war auch gut gegen die Hitze. Sie schliefen auf Säcken, die mit Stroh gefüllt waren, und später im Gefieder der Hühner. Sie konnten ein Volk von lauter Gegnern sein. Sie rollten das r, das war leichter, als es zu tragen. Sie gingen Holzwege, und auf dem Asphalt wurden ihre Füße weich. Sie weinten wenig, sie schwitzten lieber doppelt. An eine Schöpfung aus dem Vollen glaubten sie nicht. Sie waren aus krummem Holz gemacht, da ließen sich keine Modelle draus schnitzen. Ihre Tage waren vierundzwanzig Stunden lang und fünfundzwanzig Morgen breit, ihre Köpfe waren alle quadratisch. Sie blieben zuhause, in der Nähe ihrer Nahrung, und im Alter fingen sie zu rosten an. Sie besaßen eine eiserne Gesundheit, die hinderte sie am frühen Sterben. Um ihre Stammbäume rankten sich Disteln, Lorbeer und Vergessen.
Der Stellmacher war einer von ihnen. Und auch wieder nicht.

 

Das Lob

Einmal wurde der Stellmacher als Vordenker gelobt.
Da schüttelte er den Kopf und sagte: "Ich denke bloß nach."

 

Aufrecht und quer

Der Stellmacher saß über seine Arbeit gebeugt und werkelte an einem Wagenrad.
Das Rad sah einfach aus, war nur aus Holz und Eisen und brauchte keine Nägel oder Bolzen und Leim. Von der Werkstatt aus schaute der Stellmacher in die Welt hinaus mit ihrem pausenlosen Getriebe.
Er selber stand fest auf seinen zwei Füßen, und wenn er mit Seitbeil, Reifmesser und Spannsäge das Holz bearbeitete, sagte er:
"Ein Baum ist normal, das normalste, was es gibt."
Der Stellmacher hegte seinen Standpunkt, und je kleiner der war, desto gewaltiger war die Welt dort draußen.
"Das viele Fahren unterwandert den Himmel", sagte er, doch mehr zu sich selber.
"Du bist ein Quertreiber", sagten Mitmenschen zu ihm, die Mitläufer waren und sich glichen wie ein Ei dem anderen.
"Der Quertreiber hält die Latten im Zaun zusammen", erwiderte der Stellmacher. Und er dachte: Artige Menschen, halt ohne Eigenart.

 

Die Nase

"Die Nase", sagte der Stellmacher, "ist ein Ding, das man sich merken sollte. Einzigartig wie kaum ein anderes.
Die Wurzel ist oben", fuhr er fort, "die Flügel sind unten, und der Rücken ist vorn.
Und wenn man bedenkt", setzte er hinzu, "dass direkt dahinter sich das Gehirn verbirgt, kann einem schon angst und bange werden."

 

Kommen und Gehen

Der Stellmacher war am Leitermachen, draußen im Hof vor der Werkstatt. Er trieb Sprossen in die runden Löcher des einen Holms, da brach der Abend herein, und der Stellmacher zog sich ins Haus und hinter den warmen Ofen zurück.
"Wer Leitern nur macht und sie nicht besteigt, braucht nicht schwindelfrei zu sein", murmelte er und lächelte.
Seine Frau gesellte sich zu ihm, und er begann, ihr eine alte fernöstliche Geschichte zu erzählen. "Wer sein Dorf verließ, der war ein Verräter, denn er verließ die bekannte und vertraute Welt. Wer aber von draußen in ein Dorf kam, war ein Weiser, denn er hatte Dinge gesehen, die niemand außer ihm gesehen hatte."
Die Frau räusperte sich.
"Was ist das - ein Ding?", fragte der Stellmacher. "Eine Uhr ohne Zeiger", gab er sich die Antwort selber. "Da kann man mal sehen", fuhr er fort, "keiner von beiden ist nach Hause gekommen. Es gibt Orte, die, wenn man sie betritt, nicht betritt, sondern dadurch alle anderen verlässt."
Die Frau schüttelte den Kopf.
"Wenn ich rückwärts denke und doch auf dem Boden bleibe", sagte der Stellmacher, "habe ich das Gefühl, eine Schlange zu sein, die an ihrem eigenen Kopf vorbeikriecht."

 

Ferne

Einer aus der Familie, den nichts mehr zu Hause halten wollte, zog fort in eine ferne Stadt, lebte dort eine lange Zeit, kam irgendwann in einem regensaftigen Frühjahr zurück an den alten Ort, kehrte in sein warmes, dämmeriges Geburtshaus ein und fragte den Stellmacher, warum er ihm in all den Jahren nicht ein einziges Mal geschrieben habe, worauf der Stellmacher antwortete, es sei ihm zu weit gewesen...
Er selber war immer zuhause geblieben, wie die Wurzel im Boden, und hatte alle Hände voll zu tun. Still und bedachtsam baute er Wagenräder aus Holz, die, wenn man ihm zuschaute bei der langsamen, gleichmäßigen Arbeit, den Eindruck machten, als seien sie nicht für die Bewegung, sondern für die ewige Ruhe geschaffen.

 

Gerechtigkeit

Der Stellmacher kam in die Jahre, und das eine Bein machte ihm Sorgen.
"Das ist Altersschwäche", versuchte der Arzt ihn zu besänftigen.
"Das andere Bein ist genauso alt", entgegnete der Stellmacher.

 

Zwischen Ergebnissen

Der Stellmacher fertigte eine Liste seiner zehn Geschwister an und zählte ihre Lebensjahre zusammen. Er kam auf 634.
Fünf Jahre später führte er die Rechnung noch einmal durch, da waren die Jahre gewachsen, doch eine Schwester inzwischen verstorben. Jetzt kam 619 heraus.
"Ein Verlust wiegt schwerer als ein Gewinn", sagte der Stellmacher. "Aber merkwürdig ist, dass jeder Schritt, mit dem wir dem Tod entgegengehen, ein Schritt ist, der das Leben verlängert."

 

Auf das Ziel zu

Der Stellmacher war alt geworden und wartete auf das Ende.
Jemand hatte ihn zu einem Pferderennen eingeladen. Der Stellmacher bedankte sich, lehnte ab und sagte: "Ich weiß, dass ein Pferd schneller läuft als das andere. Welches, das ist mir egal."

 

Erledigtes Geschick

Der Stellmacher hatte das Gefühl, als seien die Knochen bis an den Rand mit Asche gefüllt, die schwer war und knirschte, auch wenn er im Bett lag und sich keinen Daumenbreit bewegte. Doch er verfiel nicht ins Jammern. Was tat nicht alles weh, und was hatte nicht alles Schmerzen bereitet, schon vom allerersten Tag an. Der strenge, kranke Vater, die Not, der Hunger, der Krieg. Die Waffen, die Gefangenschaft, das Aushalten und die Überwindung.
"Vater, wartest du auf den Tod?", fragte der Sohn des Stellmachers.
"Ja. Der Tod muss ja mal einen Anfang machen. Ich merke, wie er wächst."
Der Stellmacher war ein langsamer Mensch zeit seines ganzen Lebens und wich dem nicht aus, was auf ihn zukam. Er hatte gearbeitet, gewerkelt, geschafft und geschuftet und doch ein Stillleben geführt, das sonderbar geschützt schien von innen heraus nach außen. Wenn man seine ganzen Langsamkeiten zusammenrechnen würde, käme eine riesige Kraft heraus, eine ungeheure Gegenkraft zu allem, was sich mit Geschwindigkeit bewegt. Sein Gesicht war mager, doch nicht unruhig. Und zart gezeichnet von einem Mut zu dem, was noch kommen konnte.
Der Stellmacher lag auf der Bettstatt und war ohne Bewegung, der Körper abgeschabt bis auf die Knochen.
"Jetzt ist er der alleinsamste Mensch auf der Welt", flüsterte die Frau, dann stotterte sie.
Der Stellmacher hustete. Er atmete langsam aus. Es klang, als dringe eine leise Stimme aus seinem Mund nach draußen. Die Frau fragte etwas. Dann beugte sie sich über den Stellmacher und hielt ihr Gesicht einer Antwort entgegen.
Der Stellmacher schloss die Augen. Die Frau nahm seine Hand und legte die ihre darüber. Er war tot. Sie schaute ihn an, und er war tot. Auch als sie aufstand, weg ging und in der Tür sich noch einmal umdrehte, war der Stellmacher tot. Jetzt war es die Frau, die alleine war.